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Monatliche Predigt

November 2014 - Hotsugan Risho - Ein Gelübde für das Wohl der Menschen abgeben von Rev. Shiju Sakagawa

Im Alter von zehn Jahren begann ich Kendō zu praktizieren. Dabei durfte man bei einem Sieg keine „geballte Faust" zeigen. In allen Kulturen ist es üblich, dass der Verlierer seine Enttäuschung ablegt und dem Sieger gratuliert. Doch bei den japanischen Kampfkünsten ist es ein wichtiges Charakteristikum, dass der Sieger aus Rücksicht auf den Verlierer weder die Faust zu einer Siegesgeste ballt, noch andere Arten der Freude zeigt, noch nicht einmal in seinem Gesichtsaudruck. Früher gab es im Judo keine geballte Siegesaust,wie man sie heute, da es olympische Disziplin geworden ist, beobachten kann.

Diese „Rücksichtnahme auf Andere" zeigt sich nicht nur im Sport und kann überall auf der Welt beobachtet werden. In Japan waren es die buddhistischen Lehren, die einen großen Einfluss auf dieses Verhalten ausübten.

Ich möchte euch jetzt über einen Leserbrief sprechen, den ich neulich in der Zeitung gelesen habe. Die Schreiberin war eine ungefähr sechzigjährige Frau. Sie berichtet über eine Begebenheit, die sich zugetragen hatte, als sie mit dem Bus vom Einkaufen von einem Supermarkt nach Hause zurückkehrte. An einer Haltestelle wartete eine junge Mutter mit einem Kinderwagen. Als der Bus anhielt und sie einsteigen wollte, erklärte der Busfahrer: „Es ist nicht gestattet, mit einem Kinderwagen einzusteigen. Bitte klappen sie ihn vorher zusammen." Die junge Frau war vollgepackt mit Einkaufstüten und zeigte sich sichtlich irritiert, da sie nicht wusste, was sie tun sollte. In diesem Moment stieg die Frau, die den Leserbrief geschrieben hat, aus dem Bus und sagte: „Ich halte ihr Baby, damit Sie den Wagen zusammenklappen und einsteigen können." Die junge Frau klappte den Kinderwagen zusammen, stieg in den Bus und setzte sich an einen freien Platz. Die ältere Frau fragte: „Wie weit müssen Sie denn fahren?" Die junge Mutter antwortete: „An der dritten Haltestelle muss ich aussteigen." „Gut, dann werde ich Ihr Baby nochmal halten. Sie können den Kinderwagen ausklappen und die Bremse anziehen, dann reiche ich Ihnen Ihr Baby." „Wirklich? Vielen vielen Dank!", entgegnete die junge Mutter.

Der Bus hielt an der Haltestelle, an der die junge Mutter aussteigen wollte. Die ältere Frau bat den Busfahrer, einen Moment zu warten und reichte der jungen Mutter ihr Baby, nachdem diese den Kinderwagen aufgeklappt hatte. Danach stieg die ältere Frau wieder in den Bus, der langsam wieder anrollte und die Strasse hinunterfuhr.

Eine etwa siebzigjährige Frau, , hatte die ganze Szene vom hinteren Teil des Busses aus beobachtet. Sie wandte sich der Frau zu, die der jungen Mutter geholfen hatte und sagte: „Danke! Denn Sie haben alle Menschen im Bus  froh gemacht."

Die Schreiberin des Leserbriefs schloss mit diesen Worten: „Die Worte dieser Frau füllten erfreuten mich sehr. Mit dem Alter wird es immer schwieriger, sich zu bewegen, auch wenn wir gerne jemandem Helfen würden. Aber diese Frau zeigte mir, dass wir mit unseren Worten andere Menschen beglücken können. Und dafür bin ich ihr dankbar."

Was die Schreiberin des Leserbriefs getan hatte, heißt Rigyō (wohltätige Handlung) oder mit anderen Worten „anderen helfen wo man kann". Die Frau, die die Szene aus dem hinteren Teil des Busses beobachtet hatte und die Worte „Danke! Denn Sie haben alle Menschen im Bus froh gemacht!" aussprach, hat Aigo (liebevolle Rede) praktiziert, indem sie voller Mitgefühl für andere „freundliche Worte" benutzte..

Dann sagte die Frau, die alles von hintem im Bus beobachtet hatte: „Sie haben alle Menschen im Bus froh gemacht" Ich bin mir sicher, dass alle Fahrgäste– Leute unterschiedlichen Geschlechts und Alters auf unterschiedlichen Wegen, hier zusammengetroffen durch reinen Zufall - erfreut lächeln mussten, da auch sie sich für die junge Mutter mit dem Kinderwagen freuten. Dies ist Dōji (Handeln in Übereinstimmung) oder mit anderen Worten „denken, ohne zwischen sich und Anderen zu unterscheiden". Zudem finde ich, dass diese drei Dinge den Ausdruck Fuse „Großzügigkeit", ändern. Fuse bedeutet Geistiges und Materielles großzügig zu teilen. Dogen Zenji definiert dies genauer als „Gierlosigkeit".

Großzügigkeit mit Worten ist Aigo, Großzügigkeit in Handlungen ist Rigyō und Großzügigkeit des Herzens ist Dōji. Großzügigkeit heißt, durch unser Handeln ein Geist zu zeigen, der sich bemüht, Buddha so weitwie möglich anzunähern.

Den Geist dazu zu bewegen, Buddha näher zu kommen, bedeutet so viel wie „den Bodhi-Geist wecken". Konkret sind die Handlungen dieses Geistes Fuse, Aigo, Rigyō und Dōji, doch wichtiger ist, „sich selbst zurück zu nehmen und zuerst für das Wohlergehen Anderer zu sorgen". Natürlich heißt das nicht, sich selbst zu „opfern", sondern es heißt nur an die Anderen zuerst zu denken.

Aber einfach die weltlichen Wünsche Anderer blind erfüllen, heißt nicht zwangsläufig, dass man damit Dinge tut, die den Anderen auch dienen. Um dieses Missverständnis zu vermeiden, lehrte Dogen Zenji, dass das„nutzlose Erfüllen der weltlichen Wünsche den leidenden Wesen nicht dient." Zudem sind diese vier Handlungen Fuse, Aigo, Rigyō und Dōji eine Methode, um die Menschen zu ermutigen, den Geist Buddhas, den „Bodhi-Geist", zu erwecken. Ziel ist es, sie auf den Buddha-Weg zu führen und sie einzuladen, den Weg zusammen mit uns zu gehen.

Das eigentliche Ziel der Buddhisten besteht darin, ein Buddha zu werden. Aber auch wenn wir es nicht schaffenBuddha zu werden, ist es mein eindringlichster Wunsch, diesen Weg gemeinsam zu gehen und gemeinsam zu handeln, um sich dem Buddha ein Stück anzunähern.