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Predigten

Juli - Besuch an einem Grab von Issho Fujita

Als ich elf Jahre alt war, wurde meinem Vater eine Position in Osaka angeboten, der Stadt mit der dritthöchsten Einwohnerzahl in Japan. Zu dieser Zeit lebte meine Familie in einer Kleinstadt in einem anderen Regierungsbezirk, wo mein Vater für die lokale Filiale eines großen Bauunternehmens arbeitete. Für ihn stellte dieses Angebot einen Aufstieg in seiner Karriere dar und so sprach er eines Abends beim Abendessen das Thema Umzug an. Meine Großmutter väterlicherseits, die damals bei uns lebte, lehnte diesen Vorschlag gleich lautstark ab: „Auf gar keinen Fall!“, sagte sie, „wer kümmert sich dann um die Gräber unserer Vorfahren? Ich werde diese Stadt niemals verlassen, selbst wenn ihr alle wegzieht!“

Wir waren alle sehr über ihre strikte Ablehnung überrascht, da sie sonst immer sehr still war und eher ein ruhiges Gemüt hatte. Mein Vater war ihr einziges Kind (da seine Brüder und Schwestern bereits alle verstorben waren); er konnte sie also nicht allein lassen, um an einen weit entfernten Ort zu ziehen. So hatte er keine andere Wahl und musste seine einzigartige Karrierechance aufgeben.

Diese Erinnerung kam mir in den Sinn, sobald ich anfing über den „Besuch an einem Grab“ zu schreiben. Auch wenn es lange Zeit her ist, kann ich mich sehr lebhaft an diese Szene erinnern. Zu der Zeit konnte ich noch nicht verstehen, warum sie so streng darauf bestanden hatte, doch heute verstehe ich, dass es für sie als Nachkomme eine sehr wichtige Aufgabe war die Gräber ihrer Familienangehörigen regelmäßig zu besuchen.

Sie besuchte den Friedhof sehr oft - manchmal zusammen mit uns, manchmal aber auch allein. Vor den Gräbern stehend, legte sie ihre Hände zusammen und sprach einige Worte, vielleicht eine Art Gruß. Dann fegte sie den Boden mit einem Besen, entfernte alle Abfälle und wusch die Grabmäler. Nach dem Säubern stellte sie Blumen auf, Räucherstäbchen und Kerzen, und Süßigkeiten und Früchte. Dann beträufelte sie das Grabmal mit Wasser, legte wieder ihre Hände zusammen und sagte: „Ich bin wieder da“, „Es wird langsam wieder wärmer“, „Uns geht es allen gut, also mach dir keine Sorgen“, „Mein Enkel ist gerade auf die weiterführende Schule gewechselt“ und so weiter. Sie sprach als stünde dort tatsächlich jemand vor ihr.

Die Definition von Grabmal im Wörterbuch lautet wie folgt: „es ist ein Denkmal, das an eine verstorbene Person erinnern soll“, unter dem die sterblichen Überreste dieser Person begraben werden. In diesem Sinne ist es nutzlos über die Existenz von Verstorbenen wissenschaftlich zu diskutieren. Die Menschen besuchen Gräber, um der Erinnerung der Vorfahren zu gedenken. Wir Menschen haben die wunderbare Gabe aus unseren Erinnerungen heraus nicht existierende Menschen vor unserem inneren Auge zu sehen. Wir können ihre Anwesenheit beinahe spüren und uns mit ihnen unterhalten. Auf diesem Wege können wir mit jemandem sprechen, der bereits verstorben ist.

Stellen Sie sich bitte die Person vor, die auf ihr Leben den größten Einfluss hatte, jedoch bereits verstorben ist. Seien sie so lebhaft wie nur möglich, stellen Sie sich alle Details aus einer Szene vor, in der Sie und diese Person miteinander umgehen. Was passiert da? Wie fühlen Sie sich damit? Sie haben vielleicht einige sehr starke Emotionen, die in Ihrem Körper spürbar sind. Oder Sie finden durch diese Übung etwas neues über diese Person heraus, etwas, das sie vorher noch nicht gewusst haben. In dieser Übung sprechen Sie nicht mit einem Geist, sondern mit einer Person, die seither in Ihrem Herzen lebendig war.

Ein Grab ist ein Hilfsmittel, das es uns einfacher macht, eine solche Übung in unseren Gedanken zu machen. Durch den Besuch an einem Grab, unter dem unsere Vorfahren oder engen Freunde schlafen, nehmen wir wieder Kontakt zu diesen wichtigen Personen aus unserem Leben auf. Es ist für uns von großer Bedeutung und Wichtigkeit dem Tod eines Menschen zu gedenken und diesen Menschen damit in unser Leben aufzunehmen. Nur so haben wir ein vollkommenes Leben, verbunden mit denjenigen, die vor uns waren.