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Predigten

Die Suche nach dem „authentisch übermittelten Dharma": Ein Dharma-Vortrag über die Ursprünge des japanischen Zen-Buddhismus (Eine Chronik der Vorfahren des Zen) von Rev. Shunya Sano.

Der Ansatz der Buddha-Lehren kann als Lernen der Sangaku zusammengefasst werden, das dreifache Studium – kai (Gebote), jo (Sammlung) und e (Weisheit). Das heißt, die Gebote befolgen, Konzentration üben und Weisheit entwickeln.
Gebote sind Anweisungen, die befolgt und eingehalten werden müssen, um ein friedliches Zusammenleben der Menschen zu gewährleisten.
Sammlung bedeutet, sich auf Körper und Geist zu konzentrieren, ohne sich von der Umgebung abzulenken. Die Gebote lenken unser Handeln, wodurch unsere Haltung bewahrt wird, die uns zur richtigen Einstimmung von Körper und Geist führt, was als Sammlung bezeichnet wird. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir Weisheit, die uns zu den richtigen Entscheidungen verhilft. Dieses Training lehrte Buddha seinen Schülern fortlaufend. Sammlung ist Samadhi – der Zustand tiefer Versunkenheit, der durch Meditation erlangt wird. Zen ist nichts anderes, als dies zu üben. Buddha selbst wurde durch Sammlung zum Erwachten.

Als ich im Haupttempel praktizierte, fragte ich mich, wonach Buddha auf der Suche war, als er sein Zuhause verließ. Während dem dreifachen Studium war mir der Sinn der Praxis nicht ganz klar und ich verlor oft das Ziel aus den Augen. Folglich konnte ich mich während des Sitzens in Zazen nicht voll konzentrieren. Ich fragte mich ständig, warum wir in Zazen sitzen. Als ich später das Mahaparinirvana Sutra las, fand ich Hinweise auf die Antwort meiner Frage. „Mein Schüler, Subhadda, ich verließ das Zuhause mit 29 Jahren, um das Gute zu suchen." (Kapitel 5, Abschnitt 27). Buddha richtete diese Worte kurz vor seinem Tod an seinen letzten Schüler, Subhadda und drückte damit die Wahrheit in seinem Herzen aus. Das ursprüngliche Wort für „das Gute" in der Pali-Sprache stammt unter anderem von den Worten kusala, punna, und bhadra ab. Sie bedeuten soviel wie „Gutes tun", „fair und vernünftig sein" und „das, was Glückseligkeit repräsentiert". Buddha „verließ sein Zuhause, um zu suchen, was den anderen guttut und sie glücklich macht, durch ein authentisches Leben, das sowohl fair als auch vernünftig ist."

In der Nikomachischen Ethik lehrte uns der griechische Philosoph Aristoteles: „Das höchste Glück ist die eigene Zufriedenheit." Da das Kultivieren von Tugendhaftigkeit durch Praxis und durch Bräuche wichtig ist, predigte er das Einhalten des richtigen Maßes, denn „jede charakterliche Exzellenz liegt zwischen einem Übermaß und einem Mangel" und „Glück liegt in der Mitte von zwei Extremen." Aristoteles' Worte sprechen aus der Sicht einer Klassengesellschaft und können nicht im selben Licht wie diejenigen von Buddha betrachtet werden, dessen Ziel das Glück aller fühlenden Wesen ist. Ich finde, dass  Buddha und Aristoteles eine Idee gemeinsam haben als anzustrebendes Ziel wichtig ist und bewusst gelebt werden sollte und das darstellt, was als „gut" bezeichnet wird.
Buddha selbst widmete sich der Suche nach dem Guten. Auf der Suche nach diesem Pfad studierte er zuerst bei zwei Eremiten-Meistern der yogischen Meditation, Alara Kalama und Udaka Ramaputta. Man sagt, dass die Quelle des Zen-Buddhismus im Yoga liegt, doch der Zustand, der von diesen Meistern gelehrt wurde, ähnelte einem Trancezustand, in dem nur der eigene Geist in der Meditation kontrolliert werden kann. Der eigene Geist wird nur vorübergehend kontrolliert und kann nicht den Ursprung der Unreinheit beseitigen. Darum übte Buddha wie andere Praktizierende, die in die Hauslosigkeit zogen, verschiedene Formen der Selbstquälung. Doch Buddha erkannte, dass extreme Formen der Selbstquälung nicht der richtige Weg zur Erleuchtung war, und gab das Yoga auf. Schlussendlich entdeckte er die wahre Form von Dhyana oder die meditative Konzentration. Dies ist eine Übungsmethode, die von allen, überall und zu jeder Zeit ständig durchgeführt werden kann. In Japan wird sie als Shikan oder als „innehalten und beobachten" bezeichnet. Innehalten heißt „ruhig bleiben und Haltung bewahren", wobei beobachten so viel bedeutet wie„den wahren Zustand unserer Umgebung deutlich wahrnehmen." Möglicherweise werdet ihr durch das Üben dieser wahren Form der meditativen Konzentration Erleuchtung erlangen.
Die Bedeutung von Zen wurde mit den Jahren ständigen Veränderungen unterzogen; Zen wurde immer wie komplizierter und stärker fragmentiert und wich mittlerweile stark von seiner ursprünglichen Bedeutung ab.
Als Zen von Bodhidharma nach China gebracht wurde, nahm es allmählich die Eigenheiten des Landes an. Japanisches Zen wurde vom chinesischen Zen gelehrt und gelang später in unvermeidlich neuer Ausprägung nach Japan.

Ich möchte an dieser Stelle diese Änderungen kurz zusammenfassen, die Aishin Imaeda im Zenshu no Rekishi (Geschichte des Zen-Buddhismus) beschreiben hatte.
Bereits während der Tang-Dynastie (618-907) hatte die Kenntnis über den Zen-Buddhismus Japan von China her erreicht. Dosho, der die japanischen Gesandten auf ihren Reisen nach Tang-China begleitete, vollzog die Überlieferungen der Lehren des Zen-Buddhismus und war Leiter des ersten Zen-Tempels in Japan. Später würden auch Mönche von Tang-China nach Japan reisen. Der Überlieferung zufolge praktizierte Saicho Zen-Methoden. Die Sutras des Zen-Buddhismus wurden von zwei Oberpriestern der Tendai-Sekte, Ennin und Enchin, gelesen. Sie brachten die Zen-Methoden auf den Hiei-Berg. Gaoku Noko reiste nach Tang-China und lernte Zen bei Dongshan Liangjie. Er ist bekannt als der Erste, der im Soto-Zen-Buddhismus Fuß fasste. Die Lehren waren jedoch fragmentiert und zusammenhanglos und konnten sich in den buddhistische Zen-Schulen in Japan nicht etablieren.
Obwohl später viele Zen-Praktizierende nach Song-China (960-1279) reisten, blieb eine flächendeckende Einführung des Zen-Buddhismus in Japan aus.
In der Kamakura-Ära (1185-1333) begann der Zen-Buddhismus in Japan zu gedeihen und viele Priester wurden ausgebildet. Dazu gehörte auch Eisai vom Kenninji-Tempel, gefolgt von der Oryu-Schule der Rinzai-Sekte und ihrem Schüler Myozen (der Lehrmeister von Dogen Zenji). Auch die Enni-Sekte, die als Shoichi-Schule bekannt ist, erreichte ihre Blütezeit in dieser Ära, genauso wie die Hoto-Schule unter der Leitung von Muhon. Was diese Schulen miteinander verband, war nicht der Wunsch, gewisse buddhistische Religionsgemeinschaften zu etablieren, sondern vielmehr, die Lehren des Zen-Buddhismus neben den bestehenden religiösen Orden zu vermitteln und ihr Verständnis zu stärken. Wir glauben, dass Eisai als Erster den Zen-Buddhismus in Japan verbreitete, doch eigentlich war er einfach bedacht auf die Einhaltung der buddhistischen Gebote und die Entwicklung einer neuen Gesamtschule, basierend auf der Tendai-Lehre, die die Lehren von En (Tendai), Esoterik (Mikkyo), Zen (Zen-shu) und Kai (Kairitsu) einbezog. Zu Beginn der Kamakura-Ära entwickelte sich diese Form von Zen-Buddhismus zu einer Synkretisierung mit dem bestehenden Buddhismus.
Während dieser Zeit führte Dainichibo Nonin, der seine Lehren der Überlieferung zufolge von Meister Dahui Zonggao übermittelt bekam, ein zurückgezogenes Leben. Mit dem Ziel, die Lehren des Zen-Buddhismus der Song-Dynastie zu übermitteln, arbeitete er fleißig daran, den Einfluss des Zen-Buddhismus der Daruma-Schule auszubauen. Dies löste eine Protestbewegung seitens der bestehenden buddhistischen Schulen aus, wobei seine Lehren unterdrückt wurden.

Inmitten dieser Ereignisse kehrte Dogen Zenji nach Japan zurück und brachte die Lehren des Meisters Rujing mit. Kurz nach seiner Rückkehr nach Japan schrieb Dogen Zenji Fukanzazengi (Allgemein empfohlene Richtlinien für Zazen), wo er die Wichtigkeit von Zazen hervorhob. Diese Hingabe zu Zazen predigte er konsequent in all seinen Werken, wobei er stets betonte, dass man „Shikantaza praktizieren (Zazen-Übung, bei der nicht versucht wird, Erleuchtung zu erlangen) und dabei den Tätigkeiten der Vorfahren folgen solle.
Allerdings stand diese Auffassung im Konflikt mit den Tendai-Lehren, was großen Druck auf Dogen Zenij ausübte. In Abhängigkeit der politischen Machtverhältnisse der jeweiligen Zeiten war auch der Buddhismus Veränderungen ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es sowohl bedauerlich als auch töricht, wegen desselben buddhistischen Glaubens in Konflikt zu geraten und sich über unterschiedliche Lehren zu streiten. Dogen Zenji hatte keine eingeschränkte Sicht in Bezug auf den Zen-Buddhismus als religiöse Glaubensgemeinschaft, sondern verteidigte den Zen-Buddhismus, der über das Sektierertum hinausging. Er predigte Shikantaza als die Lehre des „authentisch übermittelten Buddha-Dharmas", das den buddhistischen Weg darstellt; den Weg der Buddhas und der Vorfahren, bevor sich die Lehre in eine Sekte verzweigte.

Wie es die authentische Tradition verlangte, übermittelte der Große Meister Shakyamuni diese subtile Methode zur Erkennung des Weges akkurat, und die Tathagatas aller drei Zeiten erkannten den Weg durch Zazen. Demnach ist die Tatsache, dass Zazen das authentische Tor ist, übermittelt und empfangen worden. Außerdem erreichten alle alten Meister aus westlichen und östlichen Ländern den Weg durch das Praktizieren von Zazen. Daher predige ich den Menschen und Göttern Zazen als das authentische Tor. (Bendowa)

Die Lehre, die Dogen Zenji von Meister Rujing erhielt, besagt, dass „Zazen praktizieren das Abwerfen von Körper und Geist ist" und „Zen praktizieren heißt Zazen praktizieren."

In der authentischen Übermittlung unserer Tradition wird besagt, dass dieser Buddha-Dharma – wenn er authentisch und direkt Eins-zu Eins übermittelt wird – höher als der höchste Dharma ist. (Bendowa)

Seine Erkenntnis ist, dass „Erleuchtung durch das Praktizieren von Shikantaza erlangt wird." (Praxis innerhalb der Verwirklichung)

Der Gedanke, dass Praxis und Erfahrung nicht identisch sind, stammt von Nicht-Buddhisten. Im Buddha-Dharma stellen Praxis und Erfahrung eine Einheit dar. Praxis jetzt ist Praxis, die auf Verwirklichung begründet ist; darum sind die Bemühungen eines Anfängers auf dem Weg einfach der ganze Körper der ursprünglichen Verwirklichung. (Bendowa)

Im Zen, im Mahayana Buddhismus hat die vollständige Verkörperung der buddhistischen Lehren in Körper und Geist Priorität, die über das einfache Lesen und Verstehen der buddhistischen Texte hinausgeht. Die Grenzen des Buddhismus sind die „Gedankenketten"; es ist äußerst wichtig, vorgefasste Meinungen aufzugeben und sich direkt der Wirklichkeit zu stellen. Selbst wenn ein Gedanke zu einer langen Gedankenkette führt, wird der wahre Wert einer Person nie zum Vorschein kommen, solange diese Hilfe im täglichen Leben nicht angenommen wird. Das Zen-Training erfordert die ganze Hingabe von Körper und Geist in allen Tätigkeiten. Nicht nur beim Praktizieren von Zazen, sondern auch beim Waschen des Gesichts, beim Baden, Essen oder bei der Arbeit. Vor diesem Hintergrund predigt Dogen Zenji die Praxis von Shikantaza – die Abwesenheit des Ziels, etwas durch Zazen erreichen zu wollen, sondern mit dem Gedanken, dass „Zazen selbst die Buddha-Praxis ist."

Ende September 2013 erhielt ich die Möglichkeit, nach Nordamerika zu reisen und als spezial-gesandter Meister der Sotoshu einen Dharma-Vortrag zu halten. Ich begann mit Zenshuji in Los Angeles und machte eine Tour durch die Zen-Zentren von Mexiko-Stadt, Houston, Texas, Bloomington, Indiana usw. und schloss diese wertvolle Erfahrung mit einem Besuch im Sokoji in San Francisco ab.
Die buddhistischen Gedenkfeiern in der Woche der Tag- und Nachtgleiche wurden hauptsächlich von japanischen Amerikanern der Zenshuji und Sokoji gehalten. Zu sehen, dass der Geist der buddhistischen Gedenkfeier von den Menschen, die als erste Generation in die USA reiste, auf eine derart noble Art an die Nachkommen weitergegeben wurde, berührte mich tief und erfüllte mich mit Dankbarkeit, während ich meine Predigt hielt.
Die Zen-Zentren werden je nach örtlichen Gegebenheiten unterschiedlich geführt. Ich konnte kurze Zeit mit Menschen in Zazen sitzen, die täglich auf der ernsthaften Suche nach den Lehren des Zen-Buddhismus waren und die Worte des Oberpriesters von Sotoshu übermitteln. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass die Oberpriester der einzelnen Zen-Zentren die Praxis des dreifachen Studiums tagtäglich weitergeben. Es war sofort klar, dass jeder Meister für lange Zeit in Zazen saß. Alle zusammen, von den Anfängern bis hin zu den erfahrenen Praktizierenden mit jahrzehntelanger Erfahrung, saßen tief versunken in Zazen. Obwohl sich diese Zen-Zentren im Bezug auf die Bestimmungen von den Ausbildungsklöstern in Japan unterscheiden, werden die Lehren der zwei Gründer konsequent weitergegeben. „Der Buddha-Dharma von Shakyamuni lebt auch hier." In diesem Moment fühlte ich, dass die authentische Form von Shikantaza in einem fremden Land vorhanden ist.